NAMM 2004

Trends
Die Höhepunkte
Erwähnenswertes
Und zum Schluss
Nachdem ich in diesem Jahr sowohl die CES als auch die MacWorld, die ja beide gleichzeitig Anfangs Januar stattfinden, überspringen musste, war für mich die erste Messe des Jahres 2004 die NAMM in Anaheim. Und während in der Schweiz der Winter erneut Einzug hielt, genossen wir im Freien milde Frühlingstemperaturen, mussten jedoch im Convention Center mit klimatisierter Kühle Vorlieb nehmen.

Verglichen mit anderen Messen ist die NAMM (www.namm.com) verhältnismässig klein und deshalb überblickbar. Wenn man über alle Neuheiten berichten muss, werden vier Tage trotzdem knapp. Doch da ich nur die mich interessierenden Rosinen aus dem grossen Kuchen picken kann, waren drei Tage genug. Denn, Hand aufs Herz, was kann man bei Elektrogitarren, Drums, Blas- und Streichinstrumenten, die immerhin auf rund drei Vierteln der Ausstellungsfläche zu finden waren, noch umwälzend verändern!? (Doch: vergleiche unten!)

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Trends

Auch in diesem Jahr waren aus meiner Sicht die umwerfenden Neuigkeiten dünn gesät. Die meisten Firmen beschränkten sich auf Modellpflege, machten hier und da kleine Verbesserungen an Bestehendem oder kündigten "neue Modelle" an, die jedoch in der Regel nur Althergebrachtes in neuer Verpackung darstellten.

Die NAMM ist ja eine reine Händlermesse, auf der es Ziel ist, möglichst viele Bestellungen schreiben und international die Vertriebe bereinigen zu können. Das (Musik-) Business ist hart, und wer als Distributor in seinem Land nicht die erwarteten resp. geforderten Umsätze erzielt, wird mit kleineren Margen bestraft oder gar durch einen Mitbewerber ersetzt.

Vergleicht man das Elektronikangebot mit den herkömmlichen (wirklichen) Instrumenten, darf man erfreut feststellen, dass allgemein wieder eine Wende zum konventionellen Musizieren zumindest angedeutet wird. Vor allem bei Blasinstrumenten sollen die Umsätze wieder im Ansteigen begriffen sein. Dies hat natürlich in den USA damit zu tun, dass alle Schulen ihre eigene Marchingbands haben, und dass musizierende SchülerInnen gewisse Privilegien geniessen – nicht so viele wie ihre SportlerkollegInnen an den Bildungsinstituten, aber immerhin … Und die NAMM fördert diesen Trend auch entsprechend – eine lobenswerte Haltung, wie ich finde.

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Entwickler-Trends kann man auch immer wieder in der Halle E im Untergeschoss entdecken. Dort stellen meist kleine Firmen aus, die sich noch nicht etablieren konnten, oder die eben irgend etwas wirklich Neues entwickelten und nun einen Markt dafür suchen. Doch in diesem (wie auch im letzten) Jahr konnte ich zwischen all den mehr oder weniger exotischen Instrumenten, den diversen Geigen- und E-Gitarrenherstellern (viele davon aus China und Korea) keinen wirklichen Leckerbissen ausfindig machen – aber vielleicht habe ich ja etwas übersehen. Einen Trend konnte ich allerdings erkennen: Aus China werden uns bald eine riesige Anzahl qualitativ ansehnlicher bis hervorragender Produkte überschwemmen, z.T. noch Kopien bereits bestehender Produkte, doch immer mehr Eigenständiges (wie anno dazumal aus Japan). Besonders aufgefallen sind mir in diesem Jahr (neben viel Ramsch) Hi-End Mikrofone, die ich allerdings nicht an Ort und Stelle einem Vergleichstest unterziehen konnte.

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Die Höhepunkte

Betritt man die Halle A, stösst man automatisch als erstes auf den neuen Apple Stand (wo letztes Jahr noch Emagic ausstellte). Normalerweise setze ich mich am ersten Tag nicht hin, um eine Demo mitzuverfolgen, doch aus irgend einem Grund musste ich hier verweilen – und es wurde zum ersten guten Gefühl: Unter dem Titel: "The music revolution" präsentierte Apple (www.apple.com) die "Garage Band" Software (wieso eigentlich nicht iBand?), die das allgemeine Musikmachen ebenso revolutionieren könnte, wie iMovie das Videobearbeiten. Nicht nur der Preis (gratis mit einem neuen Mac, sonst 69 CHF im iLife Paket, mit der Erweiterungsmöglichkeit Jam Pack für 149 CHF), sondern auch die sagenhafte Einfachheit der Bedienung könnten aus dieser Kombination aus Schnipsel- und Live-Einspielsoftware einen Renner machen. Leider benötigt man für Garage Band mindestens einen G3/600 MHz Mac mit OS 10.2.6 oder höher, so dass ich mit dem Test noch etwas warten muss.

Und wenn wir gerade bei Apple sind: Das Logic-Angebot wurde völlig überholt: Neu gibt es nur noch 2 Versionen, den Logic Pro 6, der nun jedoch alle 12 Plug-ins und Add-ons (also auch den Sampler und die Instrumente) enthält, und dies zum selben Preis von US$ 999, der früher für die Platin Version ohne Zubehör bezahlt werden musste. Daneben gibt es nur noch den Logic Express für US$ 299. Dies passt die Logicsoftware an Apples andere Softwareangebote (z.B. Final Cut Pro und Express) an.

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Der Mackie Mixer Onyx 1220 Das Portastudio 2488 von Tascam

Etwas weiter hinten in der Halle A zeigte LOUD Technologies (www.mackie.com) (so der Name der Firma, die die Marken Mackie, Tapco und EAW vereint) ein weiteres Mackieprodukt, das meine Aufmerksamkeit weckte: Mit der Onyx Mixerserie steht erstmals eine Kombiation von analogen Mischpulten mit digitalem Anschluss zur Verfügung. Die drei Onyx Mixer (1220 – CHF 1290.00, 1620 – CHF 1590.00 und 1640 – CHF 2590.00) können alle mit einer Firewirekarte (CHF 790.00) nachgerüstet werden. Diese arbeitet mit 24/96 Wandlern, ist kompatibel mit jeder Audiosoftware unterWindows XP ASIO/WDM und Mac OS X.3 Core Audio, überträgt alle individuellen Kanäle des Mixers (12 resp. 16) sowie den Stereohauptmix, empfängt 2 Kanäle aus dem Computer, die über die Control Room/Phones Regler kontrolliert werden können. Diese Firewirekarte wird noch in diversen neuen Mackie Produkten zur Anwendung kommen.

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Gleich daneben wurde gefeiert: Tascam (www.tascam.com) hatte 1979 das erste Kassetten-Portastudio, das 144, vorgestellt. Zum 25. Portastudio Geburtstag präsentierte man nicht ohne Stolz das Portastudio 2488, ein digitales Aufnahmestudio auf Festplattenbasis (40 GB, "nur" 24/44.1 kHz) mit integriertem 64stimmigen MIDI Soundmodul, digitalen Effekten und integriertem CD-Recorder. Für mich nicht ganz verständlich ist das integrierte USB 2.0 Interface, da Tascam sonst ja voll auf Firewire setzt. Bahnt sich hier eine Unterscheidung Firewire für Pro- und USB (2) für Consumer-Produkte an? Im Gegensatz zu diversen Mitbewerberprodukten schien mir das 2488 recht einfach in der Bedienung, trotz der vielen Möglichkeiten. Sollte die Preisidee von "unter 1500 US$" verwirklicht werden, hat das Portastudio 2488 das Zeug zu einem Knüller.

M-Audio (www.m-audio.com), mit expandierender Standgrösse, präsentierte an einer speziellen Pressekonferenz nur gerade eine Neuheit, doch die Keystation Pro 88, das 88-Tasten-MIDI-Keyboard (mit Hammermechanik), dürfte bei einem "M-Audio gerechten" (= enorm günstigen) Preis viele Pianisten als Masterkeyboard mit einem Arsenal von Reglern und Direkteingriffen via MIDI interessieren. Ich jedenfalls melde mein persönliches Interesse schon mal an.

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Erwähneswertes

Natürlich muss man an jeder NAMM das Angebot der "grossen Drei", Yamaha, Roland und Korg, etwas genauer unter die Lupe nehmen, denn auch darin kann man Trends erkennen. Leider zeigt dieser auf, dass sich noch keine grössere Wende in der Musikproduktion abzeichnet. Professionelle, aber vor allem Hobby-Alleinunterhalter werden zwar mit neuen Keyboard Modellen beglückt, doch die Mehrzahl der Elektronik widmet sich nach wie vor dem Schnipsel DJ.

Roland (www.rolandus.com) hatte den grössten Stand und die spektakulärsten Demos. Viel wirklich Neues konnte ich jedoch diesmal nicht entdecken. Erwähnenswert dürfte der Fantom XR sein, ein 1HE Modul, das mit sechs optionalen Karten bis auf 528 MB Sample RAM ausgebaut werden kann.
Neu wurde dem VS-2480 eine DVD Recorder verpasst, so dass nun bis zu 4,7 GB Songdaten auf eine Scheibe gebrannt werden können. Der VS-2480DVD unterstützt nun auch bis zu drei der neuen VS8F-3 Effektkarten. Pro Karte können 2 Plug-in Effekte von Roland oder Drittanbietern aktiviert werden.

Interessant fand ich, dass Edirol (www.edirol.com), bisher ausschliesslich auf USB eingeschworen, ein Firewire Audiointerface anbietet. Das FA-101 bietet 10 In/Out bei 24/96 Auflösung, hat 2 Mik-Eingänge mit Phantompower und neben den symmetrischen Ein und Ausgängen auch Optical S/Pdif (PC und Mac kompatibel).

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Yamaha (www.yamaha.de), wie immer in einer eigenen "Halle" im Marriott, enttäuschte mit eher magerem Star Aufgebot. Bisher war es immer besonders spannend, die Vorführer mit klingenden Namen bei ihren Yamaha-Demos zu beobachten. Umsomehr Beachtung fand das neue 01X mLan Mixing Studio: mLan ist ja Yamahas eigenes Firewireprotokoll, das bisher noch nicht die gewünschte Unterstützung fand. Das 01X bietet 8 Eingangskanäle (Mik/Line, 24/96), einen 28kanaligen Digitalmischer mit 4 Bussen und 9 Motorfadern, zwei 32bit Effekte, ein zweifaches MIDI-Interface und ein grosses Softwarepaket mit diversen VST/AU Plug-ins. Darüber hinaus bietet es die Bedienoberfläche für die bekanntesten Audiosoftwares (Cubase SX ab 1.06, Nuendo ab 2.0, Sonar ab 2.1, Logic ab 5.1.3, Digital Performer ab 3.1 und SQ01 V2). Bei einem Preis von US$ 1699.00 ist das 01X ein äusserst interessantes Gerät.
Neue Portable Keyboards für Einsteiger gibt es bei Yamaha gleich drei. Das DGX203, das DGX305 und das DGX505.
Und was ich zudem erwähnenswert finde – wahrscheinlich, weil ich mir das vorher gar nie überlegte: Yamaha ist der erste Blasinstrumentenhersteller, der bleifreien Lötzinn verwendet. Das möglichweise Gesundheit und Umwelt belastende Blei werde ab sofort durch ein ökologisch und gesundheitlich problemloses Material ersetzt.

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Korgs (www.korg.com) Ausstellfläche war mit den zusätzlichen Vestaxständen verengt worden, was die Übersicht etwas einschränkte. Neben dem Triton Extreme und dem Pa50 Arranger Keyboard fand ich dann auch nur zwei Produkte, die mir zumindest erwähnenswert schienen: Der CR-4 ist ein 4kanaliger Kassettenrecorder (!) mit eingebauter 5 Watt Endstufe und zwei 8 cm Lautsprechern. Dass dies analogen Signale mit digitalen Effekten und der REMS modeling technology bearbeitet werden können, ist eine originelle Kombination.
Und als Retroprodukt gab es virtuelle Varianten der bekanntesten Korg Sythesizer in einem Softwareprodukt: Die Legacy Collection kann sowohl als Standalone als auch als Plug-in verwendet werden (Mac/PC).Sie enthält einen virtuellen MS-20, einen Polysix und eine Wavestation, kombiniert mit vielen Effekten und einer speziellen Ausgabe des Hardwarecontrollers MS-20 nun in USB-MIDI Ausführung. In der Legacy Cell kann man bisher unmögliche Kombinationen zusammenstellen und somit völlig neuartige Sythesearten "entwickeln".

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Und zum Schluss

Von einigen US-Firmen hörte ich zum ersten Mal ein geheimnisvolles und vielversprechendes "Wait until Musik Messe". Bisher zeigten sie alles Neue an der NAMM. Ist dies auch ein Trend, die NAMM hinter der Musik Messe einzustufen? Wäre irgendwie schade, denn ich geniesse jedesmal die ferienhafte, klimatisch wunderbare, rauchfreie und "coolere" Atmosphäre der NAMM. Zwar war ich zugegebenerweise schon seit 6 Jahren nicht mehr in Frankfurt, doch irgendwie kommt keine Freude auf beim Gedanken an die graue Grosstadtmesse. Nun - kommt Zeit, kommt Rat - wir werden sehen.

Christian Hunziker

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